© 2019 Karl Lippert

Dornröschens Erwachen

… und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.

 

So dachten sie, wie viele vor ihnen und nach ihnen auch. Anfangs war es auch so: Keine Minute verging, in der sie nicht aneinander dachten, und wann immer es die Regierungsgeschäfte zuließen, verbrachten sie Zeit miteinander, küssten und herzten sich. Zudem erfreuten bald zwei Kinder ihre Herzen. Und genauso wie die Jahre ins Land zogen, so wurden ihr Begehren und ihre Zuneigung füreinander immer geringer. Anfangs leise und unbemerkt, dann immer deutlicher. Und sie begannen einander heftig dafür zu beschuldigen und zu verachten, was sie vormals so aneinander geliebt hatten. Der frühere Mut und die Tapferkeit des Königssohns, der jetzt König war und das Land regierte, hatte sich für Dornröschen in Arroganz und Unnahbarkeit verwandelt. Und die warme Zärtlichkeit und Zuwendung von Dornröschen erlebte der frühere Königssohn jetzt nur mehr als Überbehütung und Versuche der Bevormundung, gegen die er sich nach Leibeskräften zu wehren versuchte.

 

So flüchtete er sich mehr und mehr in seine Regierungsgeschäfte, Dornröschen lebte nur mehr für ihre beiden Kinder. Gemeinsam waren ihnen nur mehr die öffentlichen Auftritte, bei denen sie von allen für ihr Glück bewundert und beneidet wurden. Und niemand ahnte, wie einsam und unglücklich sie in Wahrheit waren.

Gerade als die Verzweiflung über ihr Leben wieder einmal sehr groß war, hörte Dornröschen von einem großen Weisen in ihrem Lande. Man sagte ihm nach, dass er die Gabe hätte, die Liebe zwischen Menschen wieder aufs Neue zu entfachen, auch dann, wenn sie sie schon erloschen glaubten. So erzählte Dornröschen ihrem Manne davon, und von ihrem Wunsche, diesen Weisen gemeinsam aufzusuchen. Widerwillig stimmte der König zu.

Nur wenige Tage später saßen sie ihm gegenüber. Er war ein freundlicher Mann, der sich ihre Klagen übereinander ruhig anhörte, immer wieder nickte und manchmal wissend lächelte. Dann lud er den Königssohn und Dornröschen ein, sich einander gegenüber zu setzen und in die Augen zu sehen. Erst jetzt bemerkten die beiden, dass sie dies so lange Zeit nicht mehr getan hatten. Und sie entdeckten mit Hilfe des Weisen, was sie aneinander liebten und schätzten. Solcherart gestärkt konnten sie sich schon bald daran wagen, jene persönlichen Teile anzusehen, mit denen sie selbst, ohne es zu wissen, zu ihrem Unglück beigetragen hatten. Und sie lernten, einander auf eine bisher nicht gekannte Weise zuzuhören.

Noch mehrere Male besuchten der Königssohn und Dornröschen den weisen, alten Mann. Jedes Mal lernten sie ein Stück von sich selbst und vom anderen kennen, und sie lernten auch, wie sie ohne die Hilfe des Weisen Neues bei sich entdecken und miteinander teilen konnten. Die Liebe zwischen Dornröschen und dem Königssohn wuchs so über die Jahre, und wenn sie nicht gestorben sind, dann lieben sie sich noch heute …

 

Die Protagonisten in Märchen besitzen oder benötigen häufig besondere persönliche Qualitäten/Eigenschaften, um zum Erfolg zu kommen: Ausdauer, Beharrlichkeit, Durchhaltevermögen, Mut, Frustrationstoleranz, Überwindung ihrer Angst, Kreativität in der Lösung von Problemen, Unerschrockenheit, Vertrauen, Interesse an Neuem und Unbekanntem.

Mit diesen Eigenschaften von Märchenfiguren ist schon sehr viel darüber gesagt, was auch Paare benötigen, die sich entschließen, eine Paartherapie zu beginnen. Die Arbeit an der Beziehung erfordert es, sich tiefergehend mit sich selbst auseinanderzusetzen und auf der anderen Seite den Partner/die Partnerin auf dieser Entdeckungsreise zu begleiten. Und dann, wenn beide aus ihren Träumen erwacht sind, kann sogar ein Märchen wahr werden …